Achtziger
Campus
Erstes Mal
Klimapolitik

Alu-Räder wurden von Leuten gekauft, die sich nichts vormachen lassen, denen Qualität wichtiger ist als Aussehen, die auf das »Preis-Leistungsverhältnis« achten und deren zweites Ich test – Stiftung Warentest heißt. Also z. B. von Lehrern aus der Bungalowsiedlung, die nachmittags (nach einem erholsamen Mittagsschläfchen) mit ihrem Volvo zum Tennis fahren. Der Lehrersohn bekam in den frühen Achtzigern ein Kettler Alu-Rad zur Konfirmation (sehr schön dazu: blauer Cordanzug, rote Schleife), weil es aus Alu war. Und wurde deshalb ausgelacht. Mit ein Grund dafür, daß aus dem Lehrersohn selber einer wurde, der sich nichts vormachen läßt und kein Fußball kann. Aber zum Thema: Alu war ein bißchen extravagant, auch ein bißchen öko, es rostete nicht, es war eigentlich zu teuer (man wußte, daß jeder dies wußte; insbesondere der Nachbar mit seinem Luxuswohnmobil), aber es war nicht teuer, weil man es nötig gehabt hätte, zu protzen, sondern weil es vernünftig war (»Preis-Leistungsverhältnis«, s.o.). Denn es rostete z. B. nicht. Und es war aus Alu. Eine wertvolle Anzeige verrät ohne Umschweife einen weiteren Grund: »Was haben Kettler Alu-Räder mit der Deutschen National-Elf zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Aber immerhin soviel, daß der ehemalige Bundestrainer Helmut Schön sich für das Kettler Alu-Rad entschieden hat. Und das nicht ohne Grund! Denn Helmut Schön weiß Sicherheit und Qualität zu schätzen. Bergauf kein Problem! Kettler Alu-Räder Dixi und Daxi mit Berggang. Leichtes Treten hat einen besseren physiologischen Muskelwirkungsgrad. Darum der Berggang. Helmut Schön: ›Täglich radfahren, das hält gesund und schont die Umwelt.‹« Jaha! Die Umwelt! Darum: Dixi und Daxi. Also, an alle: Fleißig Alu sammeln für die Heinz Kettler Metallwarenfabrik GmbH&Co., 4763 Ense-Parsit!

PS: Im Juli 1998 werden im gesamten deutschsprachigen Raum nur noch 217 fahrtüchtige Kettler Alu-Räder gezählt. Unser Freund Jupp kommentiert: »Kein Wunder. Alles Schrott! Hab ich immer gesacht: Einmal ‘ne Acht drin, immer ‘ne Acht drin. Kriste nie mehr raus. Nur mal als Beispiel.«

Gerald Fricke/Frank Schäfer: Petting statt Pershing.

Das Wörterbuch der Achtziger, Reclam-Leipzig 1998.

ISBN: 3-379-01630-6

Siebziger
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