Achtziger
Campus
Erstes Mal
Klimapolitik

Das etwas voll Schlimmes passiert sein mußte, im April 1986, merkten wir spätestens, als unsere Sportanlage »Rote Erde« geschlossen wurde und es keine Pilze mehr gab. Nudisten durften nicht im Gras sitzen, Kinder wurden vom Spielplatz verwiesen. Zwei Wochen kein Fußball und keine Pilze! Grummel, grimmel, urgh! Viele Menschen in Kiew dagegen konnten schon bald wieder lachen. Der Russe ist ja bekanntlich viel Kummer gewohnt und läßt sich nicht so schnell unterkriegen. Siehe Sibirien, Archipel Gulag, Leningrad, Stalingrad etc. Bei uns strahlten vornehmlich die Verkäufer von Jodtabletten und Geigerzählern. Die Bundesregierung reagierte besonnen und beherzt zugleich. Zunächst wurde festgestellt, daß die Atomwolke an der deutschen Ostgrenze stehengeblieben ist. Auch das Gebiet der DDR wurde nicht erreicht. DDR-Atomexperten konnten keine Werte feststellen, die über dem Niveau der »natürlichen« Æ Radioaktivität lagen. Puh, Schwein gehabt! Günter Zehm schrieb launig in der Welt: »Keinem einzigen deutschen Baby wurde ›durch Tschernobyl‹ auch nur ein Härchen auf der Glatze gekrümmt«. Der niedersächische Ministerpräsident Ernst Albrecht verglich wahlkampffiebernd, auf ewig unvergessen, die Atomkraft mit Alkohol: In Maßen sehr bekömmlich, aber zuviel ist ungesund. Soll man deswegen Alkohol verbieten, oder nicht lieber »verantwortungsvoll« damit umgehen? Franz Alt schrieb einen »offenen Brief« an Helmut Kohl und fragte an, ob er, Kohl, Atomkraft wirklich »verantworten« könne; immerhin stünde das »C« in der CDU für »Christlich«. Kohl hat aber nie geantwortet. Die weitere einschneidende Maßnahme der Bundesregierung bestand darin, den alten Frankfurter Ober-Öko-Guru Walter »Walli« Wallmann »Umweltminister« zu nennen. Soviel der Aufregung!

Wirklich bedrohlich war die Atomwolke eigentlich nur für Familien in Hamburger Elbvororten. Hier regierten monatelang Angst, Ausnahmezustand und Artikulationsnot. Wortlose Gipsmitteilungen zeigten ihre häßliche Fratze. Ein Freund trug damals das hammergute Elbvororte Wochenblatt aus. Folgende Anzeige daraus, vom Mai 1986, sei der Welt nicht vorenthalten: »Selbstbilder im Ausnahmezustand. Seit dem Tag v. Tschernobyl s. wir hilflos, verunsichert. Wie können wir uns artikulieren? 6 Abende veranst. wir einen Kurs f. alle, i.d. wir aus Draht + Gips lebensgroße Figuren im Ausnahmezustand bauen. Wortlose Mitteilungen! mo. ab 26.5.86, 19.00 U., ca. 120,- DM inkl. Material. Anmeldung: ...«

Gerald Fricke/Frank Schäfer: Petting statt Pershing.

Das Wörterbuch der Achtziger, Reclam-Leipzig 1998.

ISBN: 3-379-01630-6

Siebziger
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