Achtziger
Campus
Erstes Mal
Klimapolitik

Der erste Fußball-Gott

»Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!«
Andreas Möller

Jeder kennt den Fußball-Gott Jürgen Kohler. Aber wer kennt schon heute noch den ersten deutschen Fußball-Gott Toni Turek, den Weltmeister-Torwart von 1954? Na, den kennt natürlich auch jeder, war halt nur so‘n rhetorischer Schnörkel. Zur Sache. Toni Turek ist der erste und einzige wahre Fußball-Gott der deutschen Wir-sind-wieder-wer-Geschichtsschreibung. Herbert Zimmermann sprach‘s während der Live-Reportage des Wunders von Bern, Mitte der zweiten Halbzeit, beim Stande von 2:2: »Toni, du bist ein FußballGott.« Die Ungarn spielten wie »von der Tarantel gestochen« (H. Zimmermann) auf, aber Toni hielt zwei »Hunderprozentige«, ach was: Tausendprozentige von Czibor und Hidekuti. Klatsch, bumm, batz, »gehalten, gehalten! Er hat ihn GEHALTEN!« Und dann die 84. Minute: Konter über Helmut Rahn, den »unberechenbaren, schnellen Rechtsaußen aus Essen«. Er jagt einer Vorlage von Morlock nach, erwischt die Kirsche im ungarischen Strafraum, trickst Latos aus und knallt mit dem linken Schlappen an Grosics vorbei ins lange Eck. Wie ein Geschoß schlägt der Ball zwischen die Stangen des Fußballtores ein. Für Sekundenbruchteile eisige Stille im weiten Rund des Wankelstadions, aber plötzlich mit Urgewalt: Toooor! Toooor! Toooor für Deutschland! 3:2 für Deutschland! Sieg Heil!
Und was ist mit dem Fußballgott? Verschwunden! Wie der Deutschlandfunk neulich feststellte, findet sich in den Archiven der ARD-Anstalten kein Fußballgott mehr. Herbert Zimmermann hat offenbar als Reaktion auf die öffentliche Kritik, an der sich auch der damalige Bundespräsident »Papa« Heuß beteiligte, den sakralen Satz bei der Aufzeichnung herausgeschnitten. In den ARD-Archiven existiert lediglich eine entschärfte Version, an deren Stelle Zimmermann nunmehr ausruft »Toni, du bist Gold wert.« Gold wert? Warum nicht gleich: »Herr Turek, relativ gut gehalten.« Das kommt davon, wenn sich Staatsoberhäupter in fußballpolitische Belange einmischen; auf ewig unvergessen auch Lübkes Dolchstoß (»hab ihn drin gesehen«) Anno ’66. Wembley!!

Gerald Fricke/Frank Schäfer: Für alles gibt’s ein Erstes Mal.

Area Verlag, Augsburg 2006.
Hardcover, 320 S.

ISBN 3-89996-712-7

"Der Klassiker des unnützen Wissens als erweiterte Neuausgabe!"

Originalausgabe: Hoffmann und Campe, Hamburg 1999

ISBN 3-455-10387

Artikel  01  02  03  04  05  06  07
Siebziger