Bittersüß amalgiert

Soundtrack 1978: In My Life (The Beatles, 1965)

Mein Opa war Mathematik-Didaktiker, sah ein bisschen aus wie Herbert Wehner, und brachte kleine bunte Stäbchen nach Deutschland, mit denen Grundschüler die Grundrechenarten lernen sollten. Ganze Schülergenerationen der 60er und 70er Jahre wurden mit seinem Standardwerk „mathematik in der grundschule“ sozialisiert, modern kleingeschrieben und in allen gängigen soften Farbtönen der späten sechziger und siebziger Jahre fortschrittlich gestaltet. Mit Sachrechnen und Mengenlehre und allen Schikanen. Ich war aber nicht so die Leuchte, „mit Zahlen“.

Gleichwohl wähnte ich mich als „hochbegabt“, doch, da war ich mir in der Selbstdiagnose recht sicher. Das hatte ich aufgeschnappt: Mathe vier minus, genial und verkannt, der Fall war eindeutig. Hochbegabt. Ich wusste nur noch nicht genau, worin meine zukünftige Aufgabe bestand, als Komponist, Entdecker, Erfinder oder Polarexpeditionist. Auch mein Forschungsgebiet war noch nicht endgültig abgesteckt: Automobilgeschichte, Fußball-Weltgeschichte, Pan Tau oder Entenhausen? Immerhin hatte ich schon eine Brötchenschmiermaschine erfunden und damit meine Eltern zum Frühstück überrascht; eine Maschine, die nur einen Nachteil hatte: sie war vollmechanisch-humanoid. Ich saß in einem umgedrehten Pappkarton – der „Maschine“ – schmierte und versuchte ansonsten, so lautlos wie möglich zu atmen.

There are places I’ll remember

All my life, though some have changed

Einer aber erkannte mein unglaubliches Potential. Ließ sich geduldig die blödesten Erfindungen und unlogischsten Konstruktionen erläutern: Mein Opa. Opa arbeitete immer, auch an Sonn- und Feiertagen, dazu benutzte er eine mechanische Schreibmaschine, die riesige Leselupe und seine Pfeife. Unterbrochen wurde die Arbeit nur durch „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff und die Mahlzeiten. Mein Opa liebte dunkle Bratensauce, er schlürfte sie auf und nahm damit sogar seine blauen, roten und gelben Smarties-Tabletten ein, die in einem Porzellanschälchen auf der Küchenfensterbank aufbewahrt wurden, neben einem kleinen Kaktus. Tabletten für Verdauung und gegen Verdauung, ich weiß es nicht. Ein- oder zweimal nur fuhr meine Oma für kurze Zeit weg. Da zeigte sich, dass mein Opa keine Dose aufmachen konnte. Er konnte auch nicht Fahrrad fahren und hatte keinen Führerschein. Für so etwas interessierte er sich nicht.

In seinem Lesezimmer stand eine kleine lustige Holzfigur im Regal, mit weißen Albert-Einstein-Haaren, Zeigestock und einer kleinen Tafel. Darauf stand in Schreibschrift „Der zerstreute Professor“. Vermutlich ein Geschenk.

Oder sagt man „Herrenzimmer“? – In seinem leuchtend braunen Kunstledersessel hielt Opa hier seinen Mittagsschlaf. Nie wären wir Enkel auf die Idee gekommen, ihn dabei zu stören. Nie aber hätte er dann seine Stimme erhoben. Wir waren vollkommen fasziniert von Opa, der uns aber auch ein bisschen rätselhaft blieb. Nur einmal probierten wir mal einen kleinen Scherz aus und banden ihm die Schnürsenkel seiner rustikalen Sonntagsspaziergangsschuhe zusammen. Die Aktion verpuffte. Er nahm die Schuhe in die Hände, überprüfte sie – und zog ohne weiteren Kommentar andere Schuhe an. Es war einfach eine ganz unpassende Idee.

Some forever, not for better,

Some have gone and some remain

Die autobiographische Ballade In my life ist John Lennons erste „ernsthafte” Arbeit als Songwriter, die aber nicht in schöpferischer Einsamkeit entstand. Lennon selber gab zu, dass Paul McCartney die Musik für den Mittelteil geschrieben habe, und McCartney behauptet kleinkariert, für die gesamte Musik verantwortlich zu sein. Wie auch immer, der Text gehört eindeutig Lennon, der in seine „Dylan-Periode“ geraten war und sich nun damit abmühte, in seinen Songtexten auch nur halbwegs das gelungene wortspielerische Niveau seiner Bücher In His Own Write und A Spaniard In The Works zu erreichen.

In My life erschien 1965 auf Rubber Soul, der ersten „erwachsenen“ Platte der Beatles. Ich entdeckte die Beatles und In My Life erst im Sommer 1978, mit neun Jahren, auf dem „roten Album“ (The Beatles 1962-1966) als nudelige „Doppel-Musiccassette“. Seitdem bin ich Fan. Naiv, unverbildet, gläubig und gnädigerweise sehr unreflektiert. Die erste musikalische Prägung, richtig, ist entscheidend. Man entkommt ihr nicht. Ich lernte mit den Beatles die Töne singen, die Gefühlsskala kennen und ein lautmalerisches Phantasie-Englisch. Ich sog die Beatles-Biographie von Hunter Davies ein; das wunderschöne Märchenbuch ohne Drogen, Suff und Orgien. Ich las das „Beatles Songbook“ von Alan Aldridge, ohne die Texte zu verstehen und prägte mir Liedzeilen ein, die meine Hirnzellen bis heute blockieren. Löschen impossible.

All these places had their moments,

With lovers and friends I still can recall

1978 wurde Opa 65 Jahre alt. Im Sommer startete meine erste Fußballweltmeisterschaft, in Argentinien. Die erste WM ist ja immer die schönste. Der Ball hieß „Tango“, bei den argentinischen Spielen regnete es minutenlang Klopapier und die Zuschauer im Stadion trugen alle Parka, weil in Argentinien im Sommer Winter ist. Wieder was für „Sachkunde“ gelernt. Schrecklich damals, dass ich bei den Abendspielen immer nach der ersten Halbzeit ins Bett musste, nicht schlafen konnte, mir stattdessen sämtliche möglichen weiteren Spielverläufe en détail ausmalte – und erst am nächsten Morgen mir mühsam den tatsächlichen retrospektiv zusammenreimen musste. Der Sportteil unserer Lokalzeitung und die Berichte meiner Eltern waren da keine große Hilfe.

Heute weiß ich natürlich wie hässlich die ganze Sache wirklich war: Ein alter Ritterkreuz-Jagdflieger und Obernazi besuchte das deutsche Quartier, die herrschende Militär-Junta wurde vom DFB verständnisvoll begrüßt und die Nationalmannschaft schon im grauenhaften Eröffnungsspiel gegen Polen (Nullnull) von den Zuschauern ausgepfiffen und in die Pampa verwünscht. Ich fand das Eröffnungsspiel toll. Ich fand auch das Nullnull gegen Tunesien toll, auch wenn ich auf Achtnull getippt hatte. Das Sechsnull gegen Mexiko fand ich angemessen. Damit war die Vorrunde geschafft. Das Nullnull gegen Italien, todesmütig von Manni Kaltz auf der Linie gerettet, fand ich dann wieder toll und heroisch, das Zweizwei gegen Holland schade (nach dem „Torpedo-Flugkopfballtor“ von Rüdiger Abramczik in der dritten Minute) und nach dem kläglichen Ausscheiden gegen Österreich in Cordoba (2:3) verstand ich die Welt nicht mehr.

For people and things that went before

I know I’ll often stop and think about them

In my life haftet eine „Aura rauschhafter Milde“ (Ian McDonald) an, der Text meditiert in ruhigem Fatalismus über die gemischten Gefühle beim Blick zurück, er schließt auch Gedanken über den Tod ein. „Wenn das Leben schon so wenig beständig ist, wenn Verluste unvermeidlich sind, bleiben die Gefühle, bereichern die Gegenwart, indem sie an die Vergangenheit erinnern“, fasst der Beatles-Extremforscher Mark Hertsgaard die Dinge zusammen.

Der besondere musikalische Gag ist das kurze, tänzelnde „Bach-Solo“, das so unvermittelt, wie es auftaucht, auch wieder durch die Falltür eines witzigen Glissandos verschwindet. Gespielt von George Martin, der die typisch ungefähren, aber inspirierten Vorgaben John Lennons gekonnt umsetzte. Eine kleine Trickserei mit dem Tempo – Aufnahme in halber Geschwindigkeit etc. – ließ das Piano so hübsch nach barockem Cembalo klingen. Vergangenheit und Gegenwart sind bittersüß amalgiert, für einige Takte.

Some are dead and some are living,

In my life I’ve loved them all

Irgendwann im Herbst 1986 waren wir wieder, wie fast jeden Sonntag, bei Oma und Opa zu Besuch. Ich hatte gerade mit Fahrstunden begonnen. Die fröhliche Oma unterhielt uns prächtig, Opa arbeitete und rechnete im Arbeitszimmer, wie immer. Seit einiger Zeit durfte er nur noch hier seine Pfeife rauchen. Nach einer halben Stunde öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer und Opa begrüßte uns ruhig und förmlich, mit dem familientypischen, etwas steifen Handschlag. Er ließ alle erzählen und betrachtete zufrieden die Familie. Die Verabschiedung am späten Nachmittag war betonter als sonst. Opa gab uns nacheinander die Hand und sprach gute Wünsche aus. Wenige Tage später brachte er auf einem Spaziergang ein letztes Manuskript zur Post. Danach legte er sich zum Mittagschlaf hin. Und schlief ein.

 

In: Frank Schäfer (Hg.):
Soundtrack eines Sommers. Herder Verlag, 2005

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