Die Zauberzunge aus dem Gulag

Seit anderthalb Jahren murkel ich nun schon in Hamburg rum, seit einem Jahr mit Putzfrau. Eine Putzi, das mal vorab, ist unerlässlich für einen berufstätigen Menschen, der seinen Haushalt nach dem Motto „man muss auch gönn‘ könn‘“ führt und wegen ein paar Bartstoppeln im Waschbecken nicht gleich „kaputtgeht“.

Es fing alles ganz herrlich an. Mein Vormieter Dieter steckte mir die Telefonnummer von „Barbara“. Meine knabenhafte Phantasie spielte mir angesichts der vielen Vokale prompt die frechsten und unsinnigsten Streiche: Barbara! Bar-ba-ra! Ich rief drei Tage später an. „Äh, es geht um das Putzen, die Reinigung meiner Wohnung ...“, stümperte ich. „Nasdrowje? Breschnew?“, oder so kam das slavisch-herbe Echo. Die knisternde Erotik zerstob, bevor sie sich überhaupt erst hätte ausbreiten können. Ich verstand nur Gulag. Diese rauhe Stimme hatte schon ein Menge erlebt und kannte die dunkle Seite der sozialen Marktwirtschaft, das immerhin erfasste ich sofort. Ja, diese Stimme hatte schon viele Bartstoppel gesehen.

Ich wollte gerade „Telefonstreich!“ trompeten und kapitulieren, da klärten sich mit einem Mal die Dinge: „Äh, also ich wohne in der Peterstraße 16 ...“ – „Piterstraß? Ah! PUTZEN! Mittwoche um zwei. Funzig Mak.“ – „Prima, aber da ich bin bei Arbeit ...“, problematisierte ich. „Hab Schlussl“, konklusionierte Barabara den Dialog der Völker. Ich legte erleichtert, aber auch ein Ideechen besorgt auf. Würde sie tatsächlich kommen? Woher hatte sie Schlussl?

Aber es begann eine schöne Zeit. Jeden Mittwoch legte ich von nun an meine funzig Mak auf den Tisch, radelte zur Maloche, kam abends zurück – und alles war wie geleckt. Wie von der ukrainischen Zauberzunge! Ich lobte meine Klugheit und speiste vom Boden. Ich sah Barbara nicht ein einziges Mal, aber die Kaffeemaschine empfing mich immer mit einem frischen Filter, keine Bartstoppeln weit und breit, sogar das erste Blatt der Klopapierrolle war neckisch gefaltet. Als wenn es sich auf mich freute.

Nur sehr selten beschlichen mich leise Zweifel. War das vielleicht doch nur Show-Putzing? Fegte sie da einmal schnell durch, zackzack, halbe Stunde, faltete das Kloblättchen; dann Scheinchen kaltschnäuzig eingesackt und tschüssikowsky? Lachte sie heimlich über diesen bescheuerten Germanski? Mir war’s egal. Die Wohnung SAH immer sauber aus, ob sie es auch WAR, weiß ich nicht.
So dieselte unsere nonverbale, ja non-visuelle Zusammenarbeit, unaufgeregt, souverän und gleichmäßig dahin. Wahres Glück jedoch ist nie von Dauer, das habe ich gelernt. Irgendwann erstickte unsere Fern-Beziehung in Routine. Vielleicht lief alles einfach ZU geschmiert. Seit vielen Wochen schon kommt Barbara nicht mehr zu mir in die Piterstraß. Heute bin ich ein gebrochener Mann und quäle mich mit der Frage nach dem Warum. So viele Fragen. Hat Barbara einen anderen? Wer hat Schlussl? Ich bin nervös. Räumt die Russen-Mafia gerade meine Bude aus?

 

taz vom 13.11.2001. Die Wahrheit, S. 20.
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