Da macht man und tut.

Gerhard Henschel zeigt in seinem Briefroman das Drama des gehobenen Kleinbürgertums

Der deutsche »Schicksalskampf« stellt sich für den Wehrmachtssoldaten Gepke Lüttjes »ganz einfach« dar: als der »Kampf sehr germanischer Werte gegen einen ganzen Sumpf von niedersten Instinkten, gegen Lüge, Verrat und Dreck«, wie er in obszönen Briefen an seine Frau Emma Lüttjes aus dem besetzten Polen zu berichten weiß. Das Juden-Ghetto: »Wie es da aussieht, davon macht man sich einfach keine Vorstellung.« Der Pole ist wenigstens noch zu etwas zu gebrauchen, wie Lüttjes zufrieden feststellt. »Eine polnische Angestellte hat mir ganz gewissenhaft die Füße behobelt, wenn auch ohne Fräs-Apparat.« Auch der junge Richard Schlosser darf gegen Ende noch mitschießen, zunächst aber nur als Flakhelfer: »Das machte mal Spaß. Denn ohne Schießen wird man hier kaputt«, schreibt er an seine Eltern. Das ist die deutsche Jammer- und Spaßgesellschaft 1941 ff. Ihre Zeugnisse eröffnen Gerhard Henschels grandiosen Briefroman.

Erzählt wird anhand von Originalvorlagen das Leben der »Liebenden«; die Briefe zeigen ihr gesamtes Glück und Unglück, künden von der Aufbruchstimmung der frühen Nachkriegsjahre, dem Traum vom eigenen Haus, der Tristesse des alltäglichen Lebens und dokumentieren schließlich das tragische Scheitern beider Lebenspläne. Dazu ist kein Erzähler nötig, der Gang der Ereignisse über mehr als vier Jahrzehnte erschließt sich allein aus schriftlichen Quellen. Neben den Briefen vieler weiterer Familienmitglieder gehören dazu auch Urkunden, Notizen, ärztliche Befunde oder Absageschreiben von Verlagen. So erschließt sich eine faszinierende Alltagsgeschichte der alten Bundesrepublik, die nur am Rande von Ereignissen wie Kuba-Krise, Spiegel-Affäre, dem ersten 3D-Film oder Heinz Erhardt gestreift wird.

Anrührende Liebesbriefe überbrücken zunächst die Distanz zwischen Moorwafen und Hannover. Es schreiben sich die angehende Fremdsprachenkorrespondentin Ingeborg Lüttjes, eine Tochter Gepke Lüttjes, und Richard Schlosser, Kriegsgefangener und Flüchtling. 1954 wird geheiratet, mit Geflügelsalat, Kalbsmedaillons und »brasilianischer Eisbombe«, wie die Menükarte verrät. Aber während das Wirtschaftswunder wütet, Freß- und Reisewellen rollen, quält, müht und rechnet sich die entstehende Familie durch die fünfziger Jahre. Bei Richard wird Tuberkulose diagnostiziert, er muß sein Studium unterbrechen, kommt in ein Schwarzwälder Lungensanatorium, führt aussichtslose rechtliche Auseinandersetzungen und erkundigt sich in Briefen nach dem Zustand der Kinder: »Das Bild von Volker hatte ich nicht so berückend empfunden und deshalb keinen Kommentar dazu verfaßt. Es ist ja auch nur der Kopf zu sehen, und ich bin überfordert, wenn ich allein danach die Größe des Kindes beurteilen soll. So kann ich nur sagen, daß er offenbar gut im Futter ist.« Eine andere Ferndiagnose betrifft die Tochter Renate: »Hoffentlich hat Renate nicht die Motten. Ewige Nölerei und Unlust können ein Zeichen dafür sein. Vielleicht machst Du probeweise auch mal wieder eine Wurmkur mit ihr.«

Anfang der sechziger Jahre ist endlich das Gröbste geschafft. Richard findet eine Anstellung beim »Amt für Wehrtechnik und Beschaffung« in Koblenz. Aber die Liebenden sind einmal mehr getrennt. Dienstreisen führen Richard nach Amerika, er schreibt: »Repariert wird hier kaum etwas. Schadhaftes wird fortgeworfen und durch Neues ersetzt.« Kennt man ja. Die Kritik an Wegwerfgesellschaft und amerikanischem Kulturverfall könnte nicht prägnanter formuliert werden: »Es fehlt hier der Unterbau einer langen kulturellen Entwicklung.« Aber das Hotel! »Ein Zimmer in der Größe eines Fußballfeldes ... Zeitschaltuhr für Infrarotsonne im Bad, versiegelter Lokusdeckel ... Manches ist wirklich schon so, wie es sich der Europäer für 2000 denkt.«

Inge hat inzwischen bei Neckermann »den Fertighauskatalog« bestellt. Nach einigem Hin und Her zieht die Familie nach Meppen. Aber die Liebenden beginnen sich zu entfremden, das »Traumhaus« bringt keine Erlösung von der Mühsal, der Traum vom Glück will sich einfach nicht auf Dauer materialisieren. Inge muß mit ansehen, wie sich ihr Mann nach und nach im Garten und Werkraum einkellert. Und verstummt. 1980 schreibt Inge eine bittere Notiz: »Ich bin bis Sonntag abend weg. Irgendwie muß ich mit der Enttäuschung fertig werden, daß nun wieder nichts wird mit einem kleinen Urlaub ... Du magst ein Menschenhasser und Einzelgänger sein. Ich bin es nicht, das hast Du von Anfang an gewusst ... Ich habe in all den knappen Jahren nichts dagegen gehabt, ›für später‹ krumm zu liegen und zu schuften, wie Du auch. Aber später ist jetzt, jetzt, jetzt! (...) Ich glaube, daß das, was Du da machst, mit normaler und richtiger Gartenarbeit nur noch wenig zu tun hat. Du huldigst einem Götzen namens ›Kompost‹, der sich meinem Verständnis entzieht.«

Schlichtere Gemüter sehen mit dem Roman ein riesengroßes Fragezeichen aufgeworfen: Gerhard Henschel – Satiriker und Großschriftsteller, wie paßt das denn bloß zusammen? Man möchte sie gerne rückfragen: Wie kommt man eigentlich so durchs Leben, ohne jede Ahnung, daß es mehr als drei verschiedene literarische Methoden, Stilmittel und Ausdrucksformen gibt? Und möchte versuchen zu antworten: Auch in den »Liebenden« ist es Henschel um das Drama des gehobenen, aber irgendwie doch immer zu kurz gekommenen deutschen Kleinbürgertums zu tun. Die komischen und abgründigen Seiten dieses Dramas kennen wir etwa aus den eleganten Geschichten »Lesen ist Essen auf Rädern im Kopf« oder der Sammlung »Die Linke und der Kitsch«. Da macht man und tut man, für Frieden oder Hobbykeller, aber es bleibt immer nur ein zu kleines Stückchen vom Kuchen übrig. Soziologen mögen das auch als gefühlte »relative Deprivation« beschreiben.

Henschel nimmt sie beim Wort, die Bürgerrechtler, die fiktiven Bauern aus »Frose«, den DFB, Hans Küng oder »sonnengebräunte Umsatzmillionäre« – ihr Getöse liefert ihm auch in anderen Texten hinreichend schönes Material. Das hat etwas mit Empfinden und Reflexion zu tun, man mag es Streben nach Aufklärung nennen, Polemik, Satire oder einfach Literatur.

Wir erleben in den »Liebenden« die nationalsozialistische Ursuppe, aus der alles kroch, die gnadenlose Tyrannei des »Wirtschaftswunders« und erfahren zum Beispiel, welche kulturelle Bedeutung 1968 für das »Harmoniemilieu« wirklich besitzt: gar keine. Nicht ein Wort zu Studentenunruhen oder ähnlichem ist zu lesen. Darin liegt der dokumentarische Wert des klug komponierten Romans. »Die Liebenden« selber bekommen Gesicht und Charakter, sie entwickeln und verändern sich. Wir hoffen, leiden und bangen mit ihnen und fragen uns: Was läuft da falsch? So gewinnt Henschels Roman einen weiteren großen literarischen Wert, der ihn etwa gegenüber Walter Kempowskis Mehrtausender »Echolot« auszeichnet:
Man kann ihn wirklich ganz durchlesen!

Gerhard Henschel: Die Liebenden. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002.

 

Junge Welt vom 19.12.2002, S. 14.

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