Kolumnen
Lemmy
Ballgefühl

Weltmeister im Windkanal: der „Volksporsche”

Als mein Vater 40 wurde, 1980, kaufte er sich einen „Volksporsche“. Ich war elf und natürlich mit dabei. Kurze Zeit später wurde John Lennon in New York erschossen. So disparat fingen für mich die achtziger Jahre an. Eigentlich wollte mein Vater einen gebrauchten, aber fast neuen Mercedes 230 kaufen, in der Zeitung stand „praktisch neu“. Wir fuhren da hin, in eine Bungalow-Siedlung, wunderschön am Speckgürtel der Stadt gelegen. Der Inserent, ein ominöser Architekt öffnete. Hinter seinem Ohr klemmte ein Bleistift und ich meine, er hätte schon eine Wim-Wenders-Brille getragen. Tja, also wir sind wegen des Benzes hier, hm, tja, druckste mein Vater und wirkte etwas unglücklich. Der Architekt begriff. Und zauberte schnell eine Alternative aus dem Hut. Er hatte kurioserweise noch einen „Volksporsche“ im Angebot, der mit den vier Zylindern und Audi-Motor, Ihr wißt schon. „Mehr Gegenwert fürs Geld bietet kein anderes Sportcoupé", schrieb auto, motor und sport.
Nach ein- bis zweiminütiger Bedenkzeit beschlossen mein Vater und ich, uns von dem Gedanken an eine Familienkutsche zu entfernen und den Porsche zu erwerben. The long and winding road mußte eben doch nicht zwangsläufig zu einem standesgemäßen Mercedes führen, so freute sich mein Vater, sondern konnte durchaus eine crazy Wendung nehmen. Damit war auch ich sehr, sehr einverstanden. Mit elf hat man als ganz normaler Junge ja noch ein sehr emotionales Verhältnis zu Autos. Manche bewahren sich diese kindliche PS-Freude bis ins siebte oder achte Lebensjahrzehnt, beneidenswert, aber bei mir war es mit einsetzender Pubertät, mit saurem Regen, Umweltzerstörung und „Waldstreben“, so ab 1982, erstmal vorbei damit.

Der 924 fuhr astrein, ich durfte sogar vorne sitzen, mußte nicht auf die „Notsitze“. Aber leider war das Biest kackbraun. In der Schule erzählte ich, dass wir jetzt einen „schwarzen“ Porsche fuhren. „Super edel, Sitzflächen mit Nadelstreifen-Design, außen alles feuerverzinkt, der hat sogar eine Sechsjahres-Garantie gegen Durchrosten!“, erklärte ich Ullo und Jens und strich in Gedanken zärtlich über die aufklappbare Glaskuppel am Heck, den besonderen Gag. „Geht voll ab! Der Weltmeister im Windkanal ist das nämlich, hat einen cw-Wert von 0,36. ‚Luftwiderstandsbeiwert‘, wenn ihr versteht.“

Im alt-testamentarisch strengen Winter 80/81 bretterte ich zwei, dreimal mit meinem Vater nach Hamburg und Bremerhaven. Einfach nur so, aus Spaß. Obwohl „brettern“ nicht ganz stimmt, bei ernüchternden 190 Sachen ging dem kackbraunem Volksporsche schon die Luft aus den vier Zylindern. Der Fahrzeugbrief log dazu: „Höchstgeschwindigkeit ca. 204 km/h.“ Es herrschte auch weltpolitisch nicht gerade Sonnenschein. Es war die Zeit des zweiten Ölschocks und einbrechender Konjunktur, des Olympia-Boykotts, von Afghanistan und neuer Eiszeit zwischen Ost und West, von Solidarnocz und Kriegsrecht; wir schnürten, um „etwas zu tun“, Weihnachtspakete für Polen - und immer mehr „Atomkraft – Nein, danke!“-Aufkleber auf den R4s und Enten waren unterwegs, die mich langsam beschäftigten. Ja, es herrschte Krise, Krise, Krise. Wenigstens hatte in Bonn noch einmal der große Krisenmanager Helmut Schmidt gesiegt, der den Tanker Deutschland durch die unruhige See führen sollte. „Wer Genscher wählt, stärkt Schmidt den Rücken“, so stand es sinngemäß auf den FDP-Wahlplakaten. Wer konnte da schon den Verrat zwei Jahre später ahnen, naja, eigentlich mußte man es ja ahnen. Aber 80/81 erschienen mir Schmidt und die sozialliberale Koalition als die naturgesetzliche Regierungsformation für Deutschland-West. Strauß und Kohl wirkten so exotisch wie ein Breschnew oder Pinochet.

Die Sache mit dem vernünftigen Porsche, der nur „zehn Liter“ verbraucht, war dann bei uns schnell wieder vorbei, lange vor Ende der sozialliberalen „Vernunftehe“. Mein Vater hatte sich auf der vereisten Autobahn einmal im Kreis gedreht, ob des vermaledeiten Heckantriebs, und richtig Glück gehabt. Aber es war einfach nicht das richtige Auto für den Winter. Außerdem war‘s ja doch eher `ne lahme Ente. Mein Vater bestellte einen braven, saharagelben Mercedes 230E, „E“ wie „Einspritzer“, mit über einem halben Jahr Lieferzeit, so beliebt war der. Den Porsche verkauften wir und hatten nur ein paar Hundert Mark „Wertverlust“ zu beklagen.
Trotzdem schade.

 

Aus: Lemmy Kravitz.

Lemmy Kravitz.

Mit Beiträgen von Danny Dziuk, Gerald Fricke, Frank Schäfer, Hartmut El Kurdi. Illustration: Michael Vogt. Reiffer Verlag, Braunschweig 2002.

ISBN 3-934896-42-1.
Juni 2002

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