I werd’ narrisch: Das Jägermeister-Traditionstrikot wird neu aufgelegt, wie ich lese. Jägermeister wurde ja früher gerne in der gemütlichen Eckkneipe zwischen Eiche rustikal, Daddelautomaten, Mannschaftsfoto, bunten Wimpeln und Bierkrügen mit landsmannschaftlichem Emblem ausgeschenkt, eingetan, verputzt, eingelöffelt, verkasematuckelt und verpusemaknipselt. Auch im heimischen Wohngestüt fand der Jägermeister sein überheiztes Plätzchen in der ausgesucht extremen Schrankwand, zwischen Zinntellern mit agrokulturellen Motiven, Stoffsträußen, kleinen Clowns-Figuren, einem schweinsledernen Lexikon mit Goldrand und süßen Holzelefanten. Auch „aufm Garten“ oder im „Partykeller“ wurde die Hirschpulle immer gerne gesehen, bis heute.


Right, ein Jägermeister wurde abgebissen, behampelt, bezähmt, gebiegelt, quer über die Brust gelegt, gebürstet, gedudelt, in die wannenförmige Figur geschüttet oder gleich von der Kette gelassen und ganz humorlos versenkt. „Geh’n wa ma’ schön einen verhaften und Talsperre spielen“, sagte man auf dem Weg zum gemütlichen Conny. Da bläst ne gute Trompete, Alter!

Es gab Ölschocks, „Weltverflechtungskrisen“ und autofreie Sonntage; das Haar war mittlerweile „lang, aber gepflegt“ und an der Hamburger Straße griff man zum großen Kräutergott, wenn Popivoda mal wieder schneller als der Ball war: „Komm, lass uns erstmal die Innenbeleuchtung einschalten“ oder „einen Jäger die Jacke brausen“, so hörte man. Unvergessen schön auch Paul Breitner („Mao-Paule“) 1977 in grün-orange, mit drei Streifen, Hirsch und Schlag. Was hat eigentlich Günter Mast zur Peking Rundschau gesagt? In Braunschweig wollte Breitner ja auch an der Uni mal „irgendwas Pädagogisches“ machen und tauchte in irgendeiner Sprechstunde auf. Im Proseminar ist der feine Herr dann aber nie erschienen. Ab und zurück nach Bayern!

Bleiben wir bei der seligen Siebziger-Eintracht. 1973 prangt der Hirsch erstmals auf den Trikots. Der DFB war lange dagegen, immerhin sei ein Fußballverein der „Gemeinnützigkeit“ verpflichtet. Der Kompromiss: Hirsch ja, aber nur 14 cm hoch. Wenn dann der Pferdefranz nicht wusste, wohin mit der Pille, o goldene Symbiose, und unsachlich die Eckfahne umbolzte - ja, dann kippte man darauf in der „Gegengraden“ gerne einen Jägermeister die „Jubelröhre runter“ oder begoss hübsch „die Lampe“. Der gute Geist wurde eingepfiffen, pokuliert, geschmettert und ordentlich die „Uhr aufgezogen“. Man konnte durchaus einen Stiefel vertragen und trompeten wie ein lecker Kessel, du dicker Vater aber auch! Danach war man „fett wie ne Eule“, voll wie ein Amtmann und überhaupt ganz schön SPD („schön passend dick“). So war das früher.

Richtig schräg, dachten sich da die Techno-Raver in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Seitdem wird das Kräutergesöff auch zu 160 beats per minute gekippt. Ob sie die historischen Zusammenhänge kennen?
Der Schalker Läufer Jürgen Wittkamp meinte abschließend zum Thema Trikotsponsoring, wie ich in einem vergilbten „Spiegel“ von 1971 lese und zitieren darf: „Ich würde auch in einem Trikot spielen, auf dem ‚Scheiße’ statt ‚Schalke’ steht. Hauptsache, meine Kohlen stimmen.“

Mein lieber Fussballgott, wie unromantisch!

 

Eintracht aktuell, Saison 2002/2003, Heft 8

Kein Ballgefühl: Gerald Fricke

Kolumnen  01  02  03  04  05
Kolumnen
Lemmy
Ballgefühl