Ballgefühl

Früher war alles besser. Früher gab es noch keine mobilen Telefone, keine New Economy und abkackenden „Volksaktien“; früher gab es noch gelbe Telefonzellen mit „Ruf‘ doch mal an“-Sprechblase, die Aktion Mensch hieß noch Aktion Sorgenkind, Vater Staat war nicht pleite, die Badeanstalt kostete Pfennige, Walter Baresel nahm die DFB-Pokalauslosung vor, die Mädchen trugen Röcke und Zigarette wurde noch mit „C“ geschrieben. Ja, früher gab’s auch keinen SSV Reutlingen – und im Pokal spielte man z.B. gegen den HSV. Immerhin wurde der SSV Reutlingen 1975 Meister der 1. Amateurliga Schwarzwald-Bodensee, wie ich im Internet lese. Na, guten Tag auch!

Es gibt aber, zum Trost und Glück, einen Ort auf Erden, wo es immer noch so ist, wie früher: Die Kreisklasse. Fußball ist bekanntlich keine Form von Unterhaltung, sondern eine Version von Welt, um das große Schielauge Jean-Paul Sartre einmal etwas freihändig zu zitieren. Das stimmt. Die Kreisklasse, das kann ich nach fünfzehn Jahren in der Praxis sagen, spiegelt das Leben in seiner reinsten, verlogensten, häßlichsten und schönsten Form wider. Hier gibt’s die alljährliche Braunkohlwanderung, ganz erstaunliche Vatertagsausflüge, vierkantige Trikotsponsoren aus der Metzgereibranche, das Rauchen in der Kabine oder die ungewöhnlichsten taktischen Besprechungen, zu denen Menschen über dreißig fähig sind („da gehste mit, un wenner aufs Klo geht, gehste mit“).

Ja, wer etwas Gültiges über die Welt der Menschen erfahren möchte, der stelle sich bitte, nur ein Vorschlag, an einem Sonntag morgen, sagen wir: im November, bei drei Grad Nieselregen, an den Spielfeldrand, begrüße mit einfachem Fingerzeig die sieben Rentner und drei Hunde, köpfe die erste Bierjolle des frischen Tages und erfreue sich der „Alten Herren“. Sehr chefig, das.
Im Vereinsheim, oder besser VERAANSHAAM geht’s weiter. Wir treffen hier die lokale Jugend, den Daddelautomaten, die malade Friteuse aus den frühen sechziger Jahren – nur drei Currywürste sind gleichzeitig versenkbar - und natürlich all‘ die großen Bescheidwisser, Schwadroneure und Kriegsversehrten beim Frühschoppen. Wir erfahren so einiges über die Intrigen in der Vereinsführung, bekommen eine solide Einschätzung der politischen Weltlage und Brisantes über Dietmars Knieprobleme geboten. Und der Präsident? Rackert sich, wie jedes Jahr, unermüdlich ab im Abstiegskampf, macht und tut, aber keiner sagt mal danke. Auf die tapferen A-Jugendlichen hat er ein wohlwollendes Auge geworfen („die können wenigstens noch laufen!“) und führt sie gegen die verdienten Alt-Stars und Primadonnen der „Zweiten“ ins Feld. Hitzige Kontroversen um die Anstoßzeiten am Sonntag folgen. Und, Männers: Wer geht zur Abteilungssitzung, wer besorgt das „Grillgut“ zur Saisonabschlussfeier, wer die Ersatzbälle, die Feier mit oder besser ohne „die Frauen“?

„Uschi, mach noch mal‘ n Rezept in meim Deckel!“ hören wir‘s da vom Stammtisch flöten und erkennen deutlich die Schweißperlen auf der Stirn des einsamen „Studierten“, der wieder nur eine schüchterne Cola bestellt hat. Zickezacke, zickezacke, hoihoihoi, da liegt aber gewaltig Ärger in der Luft!
Bleibt nur noch die Frage, wer heute die Trikots zum Waschen mitnimmt.

 

Eintracht aktuell, Saison 2002/2003, Heft 2

Kein Ballgefühl: Gerald Fricke

Kolumnen  01  02  03  04  05
Kolumnen
Lemmy